Zeitgeist wider Heiligen Geist
"Es wohnen zwei Seelen, ach, in meiner Brust" klagte mal Goethe. Heute sind diese widerstreitenden Gefühle meist ganz verstummt. Auf dem modernen Egotrip heisst es: "Stimmt es für mich?" Ob es für die anderen ebenfalls akzeptabel ist, interessiert niemanden. Man setzt sich Ziele und boxt diese durch, ohne Rücksicht auf Verluste. Die feine Stimme Gottes, die uns mahnt: "Achte deinen Nächsten höher als dich selbst" bleibt auf der Strecke oder wird überhaupt nicht mehr gehört. Oberstes Ziel ist die Selbstverwirklichung. Mir muss es gut gehen. Ich muss vorwärts kommen und Karriere machen. Die, die neben mir fallen, sind für die Härte des Lebens ungeeignet. Kein Grund, sich aufzuregen; je mehr Konkurrenten ausgeschaltet sind umso besser. Hauptsache, der Weg für mich ist frei. Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst ist eine überholte Floskel und gilt nur für Frömmler und Lebensuntüchtige. Selbst ist die Frau, der Mann, steht auf heutigen Fahnen geschrieben und die Schwächlinge werden niedergewalzt.
Diese Denkart macht sich auch in der Politik bemerkbar. Der Ton wird zunehmend rüder, die Achtung voreinander sinkt. Man fragt nicht mehr danach, was dem Volk, der Allgemeinheit nützt, sondern betreibt Machtspiele im Eigen- oder Parteiinteresse. Die Wirtschaft zieht dabei kräftig mit und übertrumpft die Politik noch im Machtkampf, hat darin auch die besseren Karten. Der Reichtum wird immer ungleicher verteilt, konzentriert sich auf wenige Privilegierte, während andere ums Überleben kämpfen. Banken und Konzerne verbuchen Milliardengewinne und die Arbeitslosigkeit steigt. Auch bei Vollbeschäftigung ist das Existenzminimum nicht gesichert.
Ist das der Plan Gottes für uns Menschen oder haben wir ihm da kräftig ins Konzept gepfuscht? Heisst es nicht in der Heiligen Schrift: "Suchet der Stadt Bestes"? Es ist ein Befehl, nicht nur ein vager Vorschlag. Wie können wir wissen, was der Stadt, des Landes, des Menschen Bestes ist? Die Antwort liegt in der Liebe, in der göttlichen Agape. Wenn wir auf das Wohl des Nächsten bedacht wären und nicht nach dem Prinzip eine Hand wäscht die andere oder gut ist, was mir nützt, leben würden, sähe es auf der Welt anders aus. Wer sich Gottes Geist öffnet, dem wird es auch ermöglicht, das Gebot der Nächstenliebe auszuleben. Aus eigener Kraft hingegen werden wir es nicht schaffen. Der Gott der Liebe, der uns seinen Heiligen Geist eingepflanzt hat, wird auch für die Frucht sorgen. Wir dürfen dieses Wirken aber nicht dämpfen. Der Geist Gottes wird uns anleiten und die guten Werke für uns vorbereiten und uns bei der Ausführung zur Seite stehen. Fange doch gleich heute damit an auf seine Stimme zu hören. Vielleicht wohnt in deinem Haus ein Mensch, der sich nach Zuwendung und Annahme sehnt, nach einem freundlichen Wort, einem Besuch oder einer Einladung? Zögere nicht, bring Wärme in das Leben eines deiner Nächsten. Christ sein muss für die anderen an uns erfahrbar werden, denn wir sind die Boten Jesu in dieser kalten Welt.
Marina Fankhauser