Toleranz

Die gefragteste Eigenschaft ist heute wohl die Toleranz und zwar wird sie vor allem von den anderen erwartet.

Toleranz bei Sprayereien (die Jugend soll sich in künstlerischer Richtung verwirklichen können, auch wenn bloss Tags die Wände zieren)

bei unangebrachten Lärmemissionen (man muss seine Lebenslust ausleben können)

bei Vandalismus (überflüssige Energie und Frustrationen loswerden),

bei Littering (man setzt auf die Selbstverantwortung, die weitgehend fehlt),

bei Alkohol- und Drogenkonsum (da ist der Gruppendruck schuld daran oder die Perspektivlosigkeit der heutigen Zeit, nie der Einzelne)

an der Kasse, wenn jemand vordrängelt (er wird es wohl eiliger als die anderen haben),

bei Glaubensansichten, aber nur wenn diese nicht in der Bibel begründet sind, dann hört die Toleranz schlagartig auf und man wittert Fundamentalismus, beileibe nicht islamischen sondern christlichen, dessen Grundsatz lautet:

Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.

So ein Gedankengang könnte ja die Welt auf den Kopf stellen, wo doch jeder sich selbst der Nächste ist. Man duldet alles und jedes nur kein bibeltreues Verhalten, da argwöhnt man Triebfedern der Besserwisserei und der Selbstüberhebung. Sicher ist nicht jeder Christ ein Musterbeispiel und kann es auch nicht sein, denn er ist nicht rein und unfehlbar wie Gott, ist immer noch mit der Erde verbunden und muss gegen seine sündhafte Natur ankämpfen und sich bemühen in den Fusstapfen seines Meisters Jesus Christus zu wandeln und versuchen, Ihm stets etwas ähnlicher zu werden. Seine Art von Toleranz sollte sein:

Einer trage die Last des anderen.

Nicht nur an sich selbst denken und von den anderen Duldung verlangen, sondern mit offenen Augen durchs Leben gehen und die Nöte seines Nächsten, d.h. seines Nachbarn oder Arbeitskollegen sehen und sich darunter stellen, helfen, ermuntern, trösten, es zur eigenen Chefsache machen und nicht an den Staat oder soziale Institutionen delegieren. Allein schon das Zuhören und echtes Verständnis aufbringen, können sehr hilfreich sein und dem anderen das Gefühl vermitteln, nicht abgeschoben und unwert zu sein. Wir haben uns daran gewöhnt, dass der Staat die sozialen Nöte lindert, die Krankenkasse den Psychiater bezahlt und die Arbeitslosenkasse bei Jobverlust einspringt. Es ist alles bestens geregelt, wozu sollen wir uns auch noch engagieren? Die menschliche Seite, die liebevolle Annahme, der Zuspruch, die Wertschätzung, das Freude Bereiten, das alles bleibt dabei auf der Strecke. Es braucht dich und mich, der sich um den Bruder, die Schwester kümmert, damit die Liebe in der Welt nicht vollständig erkaltet.

 

Marina Fankhauser