Steine

Welche Emotionen oder Gedankengänge löst der Begriff Steine in Ihnen aus? Denken Sie an ein stabiles Haus aus behauenen Steinen, eine Berghütte, die Schutz gewährt oder an das Gegenteil, lebensbedrohlichen Steinschlag? Die ersten Begriffe sind positiv besetzt, wie das Wort in der Bibel, wo es heisst: Und auch ihr als lebendige Steine erbaut euch zum geistlichen Hause. Als lebendiges Material sollen wir uns freiwillig zu einem geistlichen Gebäude fügen – zu einer Gemeinde, in der Gottes Wort gelebt und sichtbar gemacht wird. Steine sind ein erprobtes und widerstandsfähiges Material, das zusammenhält, Regen und Feuer übersteht. Eine Gemeinde Jesu sollte nicht ein loser Haufen von Individuen sein, bei dem jeder nach seinem eigenen Nutzen trachtet, sondern eine Familie von Brüdern und Schwestern, denen das Wohl des Nächsten am Herzen liegt. Dieses geistliche Haus muss fähig sein, böse Zeiten und Verfolgung zu überstehen, ohne in seine Bestandteile zu zerfallen, dem Bruder in der Not beizustehen, zu trösten, zu ermutigen, zurecht zu bringen und mit zu leiden. Das Fundament – der Eckstein – auf dem alles aufgebaut ist und der es zusammenhält ist Jesus Christus. Nur er allein, kann die verschieden geratenen Steine zu einer Einheit und zu einem festgefügten Gebäude vereinen, die störenden Ecken und Kanten abschleifen.

Es gibt aber durchaus auch einen negativen Begriff für Steine. Das zerstörerische Element wurde beim Bergsturz in Goldau vor 200 Jahren drastisch sichtbar, wo riesige Felsblöcke ein ganzes Dorf auslöschten. Steine in den Händen von Jugendlichen verheissen ebenfalls meist nichts Gutes. Sie werden bei Demonstrationen geworfen und richten materiellen und leiblichen Schaden an. Damit wird den Aggressionen und der Wut Luft gemacht. In der Bibel stossen wir auch auf diesen negativen Aspekt. Nach dem Gesetz Moses wird Ehebruch mit Steinigung bestraft, einer äusserst grausamen Todesart. Gotteslästerung fällt unter die gleiche Kategorie. Der Diakon Stefanus wurde wegen vermeintlicher Herabsetzung Gottes zu Tode gesteinigt. Im Islam wird unter der Scharia diese Strafe für Ehebrecherinnen immer noch praktiziert.

Wie stellte sich Jesus eigentlich dazu? Er hatte nie zum Nichtbefolgen des Gesetzes aufgerufen und es selbst stets eingehalten. Den Pharisäern war die menschenfreundliche Haltung Jesu, der sich mit Sündern und Zöllnern an einen Tisch setzte, ein Dorn im Auge und sie suchten ihn eines Gesetzesbruchs zu überführen. Dazu brachten sie eine Frau vor ihn, die sie beim Ehebruch ertappt hatten und wollten seine Meinung über die im mosaischen Gesetz vorgeschriebene Steinigung hören. Würde Jesus für sie einstehen und die Strafe ablehnen, hätte er sich gegen das Gesetz vergangen. Was tat Jesus in seiner Weisheit und Liebe für die Menschen? Er öffnete den Pharisäern die Augen für ihre Unzulänglichkeit und die eigenen Verfehlungen, in dem er sagte: „Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie.“ Auch ein abgebrühtes Gewissen würde in diesem Fall zurückschrecken nach einem Stein zu greifen, denn wem ist es nicht bewusst, schon oft gegen Gottes Willen gehandelt zu haben, sei es in Tat oder Gedanken. So erging es nun auch den Anklägern. Einer nach dem anderen schlich sich davon. Keiner besass die Frechheit sich als sündlos hinzustellen und die Gerichtshandlung zu vollziehen.

Werfen nicht auch wir oft mit „Steinen“ nach anderen Menschen, in dem wir sie in Grund und Boden verurteilen und vergessen dabei zu fragen, ob wir zum Richter berechtigt sind? Ist unsere Weste wirklich so weiss und sehen wir dem andern ins Herz wie es Jesus tat oder woraus leiten wir unsere Legitimation zum Richten her? Wir werden selbst mal vor dem gerechtesten aller Gerichte stehen und werden froh sein, uns auf Jesus berufen zu können, der unsere verdiente Strafe für uns erlitten und damit bezahlt und gesühnt hat. Das heisst nicht, dass wir Böses gut heissen sollen, aber üben wir Vergebung und Barmherzigkeit und helfen wir unseren Mitmenschen auf den rechten Weg, wie es Jesus bei der Ehebrecherin getan hat. Er fragte sie: „Hat dich niemand verdammt?“ Sie antwortete: „Niemand, Herr.“ Und Jesus sprach: „So verdamme ich dich auch nicht; geh hin und sündige hinfort nicht mehr.“

Marina Fankhauser