Sehend blind

 

So etwas gibt es nicht, weisen wir empört zurück. Entweder ist das Augenlicht in Ordnung oder wir tappen im Dunkeln. Das mag im anatomischen Sinn stimmen, aber im übertragenen nicht. In der Bibel steht die Geschichte von zwei Blinden, die am Wegrand sassen und beim Vorübergehen Jesu ihn anflehten, sich ihrer zu erbarmen. Das Volk hiess sie schweigen, doch sie liessen sich davon nicht abhalten, noch lauter um Erbarmen zu schreien. Jesus blieb stehen und fragte sie nach ihrem Begehren. Sie wünschten, dass ihre Augen aufgetan würden. Jesus fühlte ihre Not und berührte ihre Augen, so dass sie augenblicklich sehend wurden. Damit hört die Geschichte aber nicht auf, denn auch das Ende ist entscheidend wichtig. Es heisst: Sie folgten ihm nach. Nicht einfach „Adieu, merci!“, sondern ihr ganzes Leben wird umgestaltet. Sie haben ihre Sehkraft wiedererlangt, sind aber auch in einem anderen Sinn sehend geworden. Sie haben Jesus als ihren Herrn erkannt und das hat Konsequenzen in ihrem Leben.

Die meisten von uns können sehen, mehr oder weniger gut, von Natur aus oder mit der Hilfe von Brillen oder Kontaktlinsen. Das sagt aber nichts aus, ob wir auch wirklich sehend sind. Sehen wir die Not der anderen und sind davon berührt? Sehen wir die Ungerechtigkeit in der Welt und kämpfen wenigstens in unserem Umkreis dagegen an oder haben wir uns damit abgefunden? Sehen wir die Ausbeutung und die Leiden der Tiere und tragen weiterhin Pelz? Sehen wir die Korruption, die Unterdrückung, die Machtentfaltung einzelner Menschen, die auch uns Vorteile bringen und schweigen dazu? Sehen wir nur auf das unsere und was uns nützt? Ist unsere Sicht für die Leiden unserer Nächsten getrübt oder existiert sie überhaupt nicht? Sind wir sehend blind?

Dann ist es höchste Zeit, dass auch wir uns an den Wegrand setzen, auf die Begegnung mit Jesus warten und dann um sein Erbarmen flehen. „Herr, lass unsere Augen aufgetan werden!“ Wenn es wirklich unser tiefer Wunsch ist, wird Jesus nicht an uns vorbeigehen, sondern uns wieder sehend machen. Aber auch für unser Leben wird das Veränderungen bringen. Sind wir gewillt, Jesus wirklich nachzufolgen, unser Kreuz auf uns zu nehmen, unsere Leidensscheu abzulegen? Jesus hat niemandem ein sorgenloses Leben in Reichtum versprochen oder von allen geachtet zu werden. Wir könnten Anfeindungen erfahren oder der Lächerlichkeit preisgegeben werden. In der heutigen Zeit gilt ein in allen Konsequenzen gelebtes Christendasein in der Welt wenig bis gar nichts. Also überschlagen wir vorher die Kosten. Sehend werden, heisst in Jesu Fussstapfen zu treten, sich unter die Leiden der anderen zu stellen, mitzutragen, herzliches Erbarmen zu zeigen und zu lieben. Dabei werden wir nicht allein gelassen, Jesus wird uns stärken, helfen, aufrichten und uns überhaupt erst zur Liebe fähig machen. Unser Wahrnehmungsvermögen wird verändert und sensibilisiert und unser Herz miteinbezogen. Er wird uns Ruhe für unsere Seelen schenken, Freude mit ihm unterwegs zu sein und Frieden in unserer Zerrissenheit. Er wird unseren inneren Menschen ganzheitlich heilen und verändern.

Jetzt ist der richtige Augenblick um zu rufen: „Herr, erbarme dich unser und öffne unsere Augen, damit wir dich wahrnehmen.“

Marina Fankhauser