Neuer Flick - altes Kleid

„Morgen bringt ihr zerrissene Bubenhosen zum Flicken mit“, befahl die Handarbeitslehrerin. Ich hatte keine Brüder und musste bei einer kinderreichen Familie um dieses defekte Kleidungsstück bitten. Die Mutter des Knaben gab mir auch gleich noch ein neues Stück passenden Stoff mit. Die Hosen sahen ziemlich durchgewetzt aus und ich starrte etwas fassungslos auf das Riesenloch am Gesäss. In der Handarbeitsstunde waren die meisten Mädchen mit einem kleinen Riss an sonst noch gut erhaltenen Beinkleidern beschäftigt, nur ich bemühte mich verzweifelt die schadhafte Stelle mit dem neuen Stofflappen zu überdecken und dabei auch noch das Karomuster passgerecht abzustimmen. Zwei Stunden später als die anderen hatte ich mein Werk beendet und der neue Flick stach leuchtend farbig vom schäbigen Rest ab. Immerhin stimmte der Musterverlauf und ich blickte stolz auf mein gelungenes Werk. Eine Woche später erhielt ich die reparierten Hosen wieder zurück zur nochmaligen Bearbeitung, denn der dünne Stoff am Rand des Flickens hatte der Belastung durch das Tragen nicht standgehalten. Die Sisyphusarbeit konnte von Neuem beginnen.

Versuchen wir nicht auch oft Neues etwas Altem überzustülpen? Als junger Mensch war ich von der Religion fasziniert. Die griechischen Göttersagen schlugen mich in ihren Bann. Ich verschlang die Ilias von Homer und kannte ebenso sämtliche germanischen und römischen Götter. Nicht dass ich daran geglaubt hätte, aber sie faszinierten mich. Später wendete ich mich dem christlichen Glauben mit dem gleichen Interesse zu und versuchte dessen Ethik nachzuleben. Das gelang nicht, denn ich hatte dieses Neue dem Alten aufgesetzt und wollte mein damaliges Leben mit den neuen Erkenntnissen aufpäppeln. Ich versagte schmählich. Je mehr ich versuchte beides unter einem Dach zu vereinigen, desto mehr musste ich mir eingestehen, dass ich es nicht schaffte.

Erst viele Jahre später zeigte mir Gott, wie schäbig, abgewetzt und unsauber mein Leben sich Ihm, dem Heiligen präsentierte und alle Verschönerungsbemühungen nur Tünche waren, die die innere Verderbtheit überdeckten. Ein neuer Flick auf altem Kleid. Als mir das bewusst wurde, erklärte ich Gott meinen inneren Bankrott. Ich wusste, ich hatte den Tod verdient, denn das ist der Lohn der Sünde. Ich hatte das von Gott mir gesteckte Ziel verfehlt und war so zerknirscht, dass ich bereit war, die Strafe auf mich zu nehmen. Dieses Licht Gottes traf mich beim Bibellesen, ich sah mich plötzlich so, wie Er mich sehen musste. Mein Entschluss stand fest, ich wollte mein Leben Jesus übergeben, auch wenn ich nie Vergebung erlangen würde. Ohne Ihn wollte ich einfach nicht mehr weitermachen. Er war immer so gütig zu mir gewesen, obwohl ich Ihn mied und eigne Wege ging. Diese Güte überwältigte mich. Beim Weiterlesen entdeckte ich, dass Er mir verzieh, denn Er hatte die Strafe, die mich treffen musste, auf sich genommen und war an meiner Stelle für mich gestorben und hatte meine Taten gesühnt. Gott sah nun in mir Seinen Sohn und nicht mein Schmuddelkleid mit einem Flicken, der sich nie und nimmer mit dem Stoff verbinden würde. Jesus hatte alles neu gemacht, mir ein neues Kleid geschenkt, das keiner Reparatur bedurfte. Freude und Dankbarkeit erfüllten nun meine Seele.

Versuche nicht, dein Leben etwas zu verbessern, hier und da daran herumzuflicken, es wird dir nichts nützen. Es gibt keine halben oder zusammengeflickten Christen, sondern Menschen, die von Gott erneuert und zu einem neuen Leben fähig gemacht werden. Lass dir zeigen, wie Gott dich sieht und kehre zu Ihm um – radikal – nicht nur ein bisschen. Gott wird dir eine neue Freudigkeit schenken, das Leben mit Seiner Hilfe und nach Seinem Willen zu meistern.

Marina Fankhauser