
Grenzenlose Freiheit gibt es nicht einmal über den Wolken, wie sie Reinhard Mey besingt. Die Freiheit hört dort auf, wo sie auf den Nächsten trifft und ihm die Luft zum Atmen abschneidet. Die Strömung der antiautoritären Erziehung, die dem Kind keine Grenzen setzt sondern alles toleriert, hat viel Schaden angerichtet. Man hat damit kleine, egoistische Monster herangezogen, die nur sich selbst und die eigenen Bedürfnisse im Auge haben und auch die Eltern nicht im Geringsten respektieren. Als Erwachsene stossen sie plötzlich in der Arbeitswelt auf Grenzen und geraten dann in Konflikte. Ein Leben ohne Grenzen ist ein haltloses Dasein ohne Orientierung und Sicherheit. Eltern, die ihre Kinder lieben, lassen keinen Wildwuchs zu, sondern geben ihnen einen sicheren Rahmen – eine Art Leitplanke, die zu übertreten nicht ratsam ist, weil es unangenehme Konsequenzen hat. So lernen sie Rücksicht zu üben.
Gott hat im Alten Testament den Menschen Gebote gegeben um ebenfalls einem Wildwuchs vorzubeugen. Er hat Israel als sein Volk erkoren und angefangen, es liebevoll zu erziehen. Doch auch dieses „Kind“ wollte sich dem Vater nicht beugen und versuchte aus seiner Schule zu laufen. Es hatte nur Gutes vom Vater erfahren, doch der Drang, die gesetzten Grenzen zu sprengen war grösser. Es wollte wie die anderen Völker auch, verschiedenen Göttern huldigen und opfern. Die Mahnungen der Boten Gottes wurden in den Wind geschlagen, es liess sich nichts sagen und schon gar nicht seine Freiheit beschneiden, zu tun und zu lassen, was es wollte.
Die Geduld Gottes hatte aber auch einmal ein Ende gefunden und Israel musste eine äusserst schmerzliche Strafe erdulden. Die Babylonier eroberten Jerusalem. Vorher wurde das Volk ausgehungert, so dass die Mütter ihre eigenen Kinder assen. Die jungen Männer fielen durch das Schwert und die Überlebenden wurden nach Babylon deportiert. Eine furchtbare, eine grausame Strafe. Wie war Gott fähig, ein solches Unheil zuzulassen?
Wir stellen uns Gott als einen liebevollen, toleranten und nachsichtigen alten Mann vor, der mit wenig zufrieden ist. Eine Kerze in der Kirche anzuzünden, deckt schon eine Menge der begangenen Sünden zu. Sonst tut es auch ein Versprechen, das nicht unbedingt eingehalten werden muss. Andere haben mit Gott gar nichts am Hut, haben ihn aus ihrem Leben ausgeschlossen.
Es stimmt, Gott ist die personifizierte Liebe, sonst hätte er ja seinen eingeborenen Sohn nicht für unsere Rettung geopfert, doch ist seine Gnade nicht ein Konfettiregen, die wir mit Füssen treten können. Der Preis war zu hoch, als das man ihn gering achten könnte. Auch wir Christen haben die Tendenz, Gottes Geduld zu strapazieren, ihn nicht ganz ernst zu nehmen. Nobody is perfect, also können wir uns auch ein paar Lieblingssünden leisten. Den Griff zur Zigarette zum Beispiel – das Leben ist ja so stressig – oder die Verlockung im Internet mit einschlägigen Seiten – man gönnt sich ja sonst nichts. Manche haben danach ein schlechtes Gewissen, aber das kann man schnell beruhigen, Gott ist ja nicht kleinlich und zudem ist man ja in bester Gesellschaft; die andern tun es auch.
Gott ist aber nicht nur die Liebe sondern auch heilig und Ehrfurcht gebietend und er wird uns eines Tages richten, sogar jedes unnütze Wort aus unserem Munde. Im Hebräerbrief heisst es:
„Es ist schrecklich in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen.“ Das zeichnet ein ganz anderes Bild von der Heiligkeit Gottes, als wir es uns so landläufig vorstellen. Wie können wir denn überhaupt vor so einem schrecklichen Gott bestehen? Mit unserer Gerechtigkeit bestimmt nicht. Der Weg führt nur über Gottes Sohn, Jesus Christus. Nehmen wir ihn doch als Herrn in unserem Leben auf, übertragen wir unsere eigene Autorität auf ihn und lassen ihn unser Dasein bestimmen. Seine uns gesetzten Grenzen führen in die Freiheit und zur Nächstenliebe.
Marina Fankhauser