K   N   I   E   N

 

Was bedeutet die kniende Haltung eines Menschen? Wenn eine Person nicht gerade unter dem Bett den Staub entfernt oder Gartenarbeit verrichtet, so bedeutet das Knien eine demütige Haltung vor einem Höhergestellten. In früheren Zeiten kniete man als Bittsteller oder warf sich einem König zu Füssen um anzudeuten, wie erhaben der andere gegenüber einem selbst war oder welche Machtfülle er verkörperte. Heute kniet man nicht einmal mehr vor einem Herrscher, ausser wenn die Queen einem den Ritterschlag verpasst. Aber wie sieht es mit dem Knien vor Gott aus, der noch immer alle Macht im Himmel und auf Erden besitzt? Stellt man damit nicht die wirklich richtigen Relationen her? Gott da oben und ich vergänglicher Erdenwurm da unten. Doch legt Gott nur auf die körperliche Haltung Wert? Was ist, wenn ein Mensch aus Gesundheitsgründen nicht knien kann?

Ein Pfarrer im mittleren Alter sagte einmal bei einer Predigt, dass er in knieender Haltung keinen vernünftigen Gedanken fassen könne, geschweige denn beten, denn seine Knie würden dermassen schmerzen, dass er sich gedanklich nur mit diesen befassen müsste. Ich kann diese Aussage auch auf mich anwenden. Seit zwei Jahren schiebe ich eine Knieoperation vor mir her, weil ich mich vorerst um meine Zahnproblematik kümmern muss. Dringen nun meine und des Pfarrers Gebet nicht bis zu Gott durch, weil wir aufrecht stehend, sitzend oder liegend mit Gott Zwiesprache halten? Was ist mit all den behinderten Menschen? Man hat sich schon im Mittelalter zu helfen gewusst, indem man gepolsterte Betschemel verwendete und die, die auf dem blanken Boden knieten, sahen das als Kasteiung an, mit dem sie das vollkommene Werk von Jesus noch ihrerseits „aufbessern“ wollten.

Ich glaube, dass die innere Haltung wichtiger für Gott ist als unsere äussere. Ich kann auch kniend anmassend mit Gott reden und sitzend voller Demut und Anbetung ihn preisen und ihm meinen Dank darbringen. Er sieht ja nicht wie wir Menschen nur das, was vor Augen ist, sondern sieht vor allem das Herz an. Da gehe ich in Konfrontation gegen einen Bericht, den ich in einer christlichen Zeitschrift gelesen hatte. Mädchen in einem Internat wurden von ihrer Lehrerin am Morgen überrascht, wie sie kniend ihre Haare föhnten. Auf die Frage der Erzieherin, weshalb sie diese Tätigkeit kniend ausübten, antworteten sie: „Knien gibt mehr Volumen.“ Sie meinten natürlich ihrem Haar, weil sie dabei den Kopf senkten und so die Haarpracht gegen den Strich bürsteten und trockneten. Die Lehrerin benutzte nun den Satz um für das kniende Beten einzustehen und dadurch auch diesem mehr „Volumen“ zu verleihen. Es gibt keinen Grund, es nicht zu tun, wenn es ein inneres Bedürfnis ist. Ich bin auch vor Gott auf den Knien gelegen, als es mir noch möglich war und ich auch mit meiner Haltung meine Abhängigkeit von ihm ausdrücken wollte, doch heute kann ich mich nur noch in meinem Gemüt vor meinen Herrn werfen. Wie froh bin ich deshalb darüber, dass für Gott nur meine Herzenshaltung ein Massstab ist.

 

Marina Fankhauser