Freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden

 

 

Wozu steht dieser Satz in der Bibel im Römerbrief? Es ist doch die einfachste Sache der Welt in einer fröhlichen Runde sich mitzufreuen oder mitzufeiern. In einer trauernden Gesellschaft wird wohl kaum jemand einen Grund zum Lachen finden – oder etwa doch?

Schon das Mitfreuen kann recht schwierig sein, wenn der Freund in der Lotterie eine grosse Summe gewonnen hat, obwohl er es gar nicht nötig hätte und ich selbst kaum weiss, wie die täglichen Ausgaben zu bestreiten. Oder der Kollege die von mir selbst angestrebte Beförderung erlangt und ich leer ausgehe. Kann ich mich da mit reinem Herzen mitfreuen, ohne dass der Neid seine hässlichen Krallen in mein Gemüt schlägt und mit zuflüstert, jetzt wäre doch ich an Reihe gewesen von Fortuna bevorzugt zu werden. Sogar eine Hochzeit oder Taufe kann negative Gefühle hochsteigen lassen, wenn ich selbst ohne Partner leben muss oder der eigene Kinderwunsch unerfüllt geblieben ist.

Und bei den Weinenden, fliessen da die Tränen nicht schon von selbst? Nicht unbedingt. Man kann unberührt bleiben beim Unglück eines anderen. Wenn man egozentrisch lebt, sind einem die anderen höchst gleichgültig. Man kann wohl die Höflichkeitsform wahren, aber echte teilnehmende Tränen? Wozu auch. Eine ganz andere Dimension ist dann die Schadenfreude, wo ich das Gefühl habe, dem Trauernden geschehe es ganz recht, dass er nun in der Misere steckt und er hätte es nicht besser verdient. Plötzlich sehe ich mich gerecht behandelt, dass es den andern und nicht mich getroffen hat.

Was in der Überschrift als das Selbstverständlichste der Welt erscheint, entpuppt sich für den Menschen als äusserst schwierig. Sonst würde es die mahnenden Worte des Paulus gar nicht brauchen. Diese menschenfreundliche Haltung setzt Nächstenliebe voraus und zwar in dem Masse, dass man den Nächsten nicht weniger liebt als sich selbst. Nur so wird man das Leid des Bruders oder der Schwester wie ein eigenes fühlen und sich tief bewegen lassen. Aber auch die Freude wird frei von Neidgefühlen und das Wohlergehen des anderen dem eigenen gleichgestellt sein. Jetzt bleibt nur noch zu beantworten, wie man zu dieser mitfühlenden Nächstenliebe kommt. In die Wiege ist sie keinem gelegt und mit eiserner Selbstdisziplin ist sie auch nicht zu ergattern. Wir werden daran immer scheitern, wenn wir sie aus uns selbst produzieren wollen. Nur wenn wir unser Leben in der Nachfolge Jesu leben, uns von Ihm nach Seinem Bilde verändern lassen, werden wir diesem hohen Anspruch einigermassen gerecht. Der Feind wird uns gerade in dieser Disziplin immer wieder herausfordern und uns Steine und unser Ego in den Weg legen. Man sagt nicht von ungefähr, dass jedem sein Hemd näher ist als der Kittel. Doch in Jesus Christus haben wir ein Vorbild. Für uns und aus Gehorsam Seinem Vater gegenüber hat Er Seine Stellung bei Gott aufgegeben – den ganzen himmlischen Reichtum und alle Ehre. Er ist ein Mensch geworden, der unser Leiden, unsere Krankheiten und Anfechtungen, Hunger, Durst und Schmerzen auf sich genommen, ja, sogar einen schmachvollen Tod erlitten hat um uns vor Gott gerecht und akzeptabel zu machen und unser Schuldenkonto auszugleichen. Aus welchem Beweggrund, wenn nicht aus Liebe.

Diese Liebe zu uns Verlorenen kann auch uns aus Dankbarkeit befähigen, unsere Nächsten so zu lieben, dass wir uns mit ihnen freuen und weinen können – mit einem lauteren Herzen.

Marina Fankhauser