Beschneidung

 

Salgesch 106.jpgAn einem kalten Wintertag fuhr ich mit meinem Mann durch den Lötschberg, um der wochenlang dominierenden, düsteren Nebeldecke zu entrinnen. Das Wallis empfing uns mit einem kalten Nordwind, vereistem Boden und prächtigem Sonnenschein. Eine Wanderung durch die grafisch strukturierten Rebberge drängte sich uns auf. Der Kontrast zwischen Schnee und den braunen Stämmen war faszinierend. Überall in den Hängen arbeiteten Winzer, indem sie den Wirrwarr der vielen Zweige an den Stöcken stutzten und jeweils nur zwei Triebe stehen liessen. Die auf diese Weise gesäuberten Weingärten wirkten nun dürftig und es fiel schwer sich vorstellen zu können, dass dieselben Stöcke im Herbst wieder eine reiche Ernte an Trauben einbringen würden. Doch die Weinbauern wussten durchaus was sie taten. Sie betrieben nicht Raubbau an ihren Pflanzen sondern gaben den stärksten Reben die Chance süsse, gehaltvolle Früchte zu produzieren, statt sich zu verzetteln und eine Vielzahl kleine, saure Beeren hervorzubringen, die keinen hervorragenden Wein ergeben würden.

Diese Erfahrung lässt sich auch auf den Menschen anwenden. Jesus selbst vergleicht sich mit einem Rebstock und uns mit Reben. Wir beziehen unsere Lebenskraft aus dem in der Erde verwurzelten Stamm und sind von ihm abhängig. Er versorgt uns mit den nötigen Mineralien, der Feuchtigkeit aus dem Boden und gibt uns Halt, dass wir Frucht bringen können. Ohne den Rebstock würden wir verdorren und wären nicht fähig auch nur eine einzige saure Traube hervorzubringen. Jesus sagt uns ganz klar, dass wir ohne ihn nichts tun können und unnütz sind. Also dürfen wir die Verbindung zum Stock nie verlieren. Das ist die eine Seite, die andere ist ebenfalls die Beschneidung. Gott lässt auch uns nicht unbeschnitten. Hier muss er ein paar wilde Triebe stutzen, die eigenwillige Wege gehen wollen, da ein paar allzu üppige Zweige, die sich selbst verwirklichen wollen, abschneiden. Das behagt uns meist gar nicht und manchmal ist es sogar schmerzhaft. Wir wehren uns mit aller Kraft dagegen, denn wir wissen ja selbst am besten, was für uns gut ist oder meinen es jedenfalls. Erst im Nachhinein sind wir von der Weisheit Gottes überrascht, dass er genau dort die Schere angesetzt hatte, wo es bitter nötig war. Vielleicht erkennen wir sogar, dass es besser war, einige Zweige zu verlieren statt ganz ins Feuer geworfen zu werden als unfruchtbarer Weinstock. Sich beschneiden zu lassen hat viel mit Vertrauen dem Weingärtner gegenüber zu tun, sonst ruft es nur Rebellion hervor. Wenn ich aber weiss, dass ich geliebt werde und ein schmerzhafter Eingriff mir zum Leben dient, dann lasse ich es vertrauensvoll geschehen. Unnötiger Ballast dient nie der Fruchtbarkeit.

 

Marina Fankhauser